Allgäuer Alpenblog

Kälte-Challenge: Eisbaden mit dem Weltmeister

 

„Trend Eisbaden – vom Profi lernen“ – das Angebot in Oberstdorf muss ich doch gleich ausprobieren und melde mich zum Eisbaden mit Paul Bieber an. Er ist der Allgäuer Experte und ausgestattet mit allem, was das Winterschwimmen hergibt: Extremschwimmer, Mehrfacher Deutscher Meister, Rekordhalter im Eisschwimmen & Weltmeister im Winterschwimmen.

Das Wetter am Kurstag, den 7.3. ist ideal: Sonnig, trocken und 9 Grad! Wir sind ein 10 Frauen und zwei Männer und alle sind gespannt. Keiner von uns ist unerfahren, aber wir werden noch viel lernen. So liegt beispielsweise die magische Grenze zwischen Eis- und Winterschwimmen (bzw. Eisbaden / Winterbaden) bei fünf Grad Wassertemperatur. Die im Nordic Zentrum Oberstdorf aufgestellten Becken tragen alle eine mehrere Zentimeter dicke Eis- und Schneeschicht, die Wassertemperatur beträgt rund 2,5 Grad.

 

Eiskaltes Abenteuer: Mein Tag mit dem EisbadenExperten

Zu Kursbeginn wird ein EKG gemacht und der Puls bestimmt. Bei mir zeigt sich Paul beruhigt, die Werte passen. Doch bevor es ins Wasser geht, erklärt er uns, was theoretisch alles passieren kann: Schlimmstenfalls kann ein Herzinfarkt eintreten, daher gehört zu seiner Ausstattung stets der Defibrillator. „Aber das ist mir bisher noch nicht passiert“, meint Paul. Was öfters vorkommt, ist ein Kreislaufkollaps. Oftmals wegen zu krassen Temperaturunterschieden, da viele sich vorher zu stark erwärmen und der Körper dann zu stark geschockt wird. Die ersten von uns ziehen ihre Daunenmäntel aus. Auch Panikattacken kommen vor – wegen Schnappatmung oder Unkonzentriertheit. Dann heißt es vor allem richtig atmen, sich auf eine Sache fokussieren. Der Blutdruck kann zu hoch klettern oder absacken. Auch habe er schon einen Teilnehmer gehabt, der mit einer TGA – einer Transglobalen Amnesie aus dem Wasser stieg. Bei einer TGA kommt es zum Filmriss, weil bestimmte Areale im Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden.

Unfälle durch Unwissenheit

In letzter Zeit haben sich extrem viele Unfälle bis hin zu Todesfällen wegen Übertreibung ereignet: Auslöser sind Challenges auf Instagram, wer es länger im Eiswasser aushält. Dabei reichen zwei bis maximal drei Minuten und das auch nur alle zwei bis drei Tage völlig aus. Eisbaden hilft nicht gegen Übergewicht, wohl aber gegen Rheuma und muskuläre Probleme oder ist in den Wechseljahren hilfreich. Auch Krebspatienten fühlen sich besser. Dass Wasser heilt, hat auch schon Sebastian Kneipp erfahren und in seiner Therapie umgesetzt: Kaltes Wasser ist entzündungshemmend und beschleunigt Heilprozesse im Körper. Paul warnt uns: „Kälte spürt jeder anders. Gerade die Genitalien oder Achselhöhlen sind empfindlich. Achtet drauf, euer Körper reagiert wie ein Notstromaggregat. Herz, Leber, Lunge, eben die wichtigen Organe werden extrem durchblutet. Das Wasser hat jetzt zwei bis drei Grad und bedeutet Todeszone. Nach fünfzehn Minuten ist der Mensch tot.“ Paul erläutert uns die Reaktion des Körpers, wenn man im Eis auf einem zugefrorenen See einbricht: Man gerät in Panik, was die Abwehr des Körpers verstärkt, der Körper kämpft. Sich jetzt unter Kontrolle zu haben, hilft. „Wie gut, dass ich den Kurs mit Atemtechnik mache“, denke ich mir und nehme mir zugleich vor, Eisflächen nicht zu betreten.

Eisbaden  lernen: Tipps vom Profi Paul Bieber

Jetzt aber geht´s ins Wasser: Langsam gleite ich hinein, ich atme wie Paul uns rät: Vor allem gut ausatmen! Er gibt uns die Zeit an. Nach zwei Minuten reicht´s mir. Ich steige aus und fühle mich gut! Ich habe mich selbst überwunden, habe es zwei Minuten im kalten Wasser ausgehalten!

Zum Aufwärmen danach braucht es nicht viel: Trockene, warme Kleidung, aber keine warme Dusche. So kann sich der Körper von innen heraus erwärmen. Ein heißer, ungesüßter Tee nutzt auch nicht viel. „Der Körper braucht Glukose für die Muskeln, Cola ist besser, aber die Teetasse wärmt natürlich die Hände.“ Ich zeuge ihm meine weißen Finger. „Du musst die Arme kreisen, dann bekommst du das Blut in die Finger“, rät Paul und ergänzt: „Ihr sollt nach dem Eisbaden eine halbe Stunde nichts Anstrengendes tun und auch nicht am Steuer eures Autos sitzen.“

Niemals allein probieren

Und noch eine dringende Empfehlung spricht Paul aus. Man solle niemals alleine ins Eisbaden starten. Der Körper reagiert oft anders als erwartet und dann ist man wirklich dankbar, wenn geholfen wird. Eisbaden im Allgäu unter Anleitung organisieren einige Hotels, wie das Hubertus in Balderschwang, das Bergkristall in Oberstaufen oder das Biohotel Eggensberger. Mehr dazu unter www.allgaeu.de/achtsamkeitrobieren

Bevor Paul ins eiskalte Wasser stieg, war er Leistungsschwimmer im Kader, Triathlet, RedBull-Athlet und probierte Freeriden im Winter. Ein Sonthofer Schwimmer brachte ihn dazu, dass er im Winter durch den Sonthofen See schwamm. Und so kam er zum Eismeilen-Schwimmen und brach nach und brach Rekorde. „Wegen meiner Familie absolviere ich keine Wettkämpfe mehr und gebe Kurse. Im Sommer findet man mich daheim in Röthenbacher Freibad“. Bewundernswert, was Paul im Jahr durchmacht: Im Winter wiegt er 10 bis 15 Kilogramm mehr, die schützende Speckschicht braucht er fürs Winterschwimmen in Spitzbergen. Auch das bietet er in Kursen an. „Jetzt geht´s wieder los und ich muss wieder auf mein Sommergewicht kommen“. Verrückt. Spannend sind auch seine Podcasts: Er sitzt in der Eistonne und stellt die Fragen und merkt, je länger er drin sitzt, desto schwieriger wird die Konzentration.

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